Thomas Virnich

Mailänder Dom

Die Galerie Buchmann in Lugano zeigt ab Samstag, 19. November, 17 Uhr das Werk Mailänder Dom des deutschen Künstlers Thomas Virnich (* 1957, Eschweiler). Virnichs Arbeiten entstehen in einem experimentellen Prozess, der die vielfältigen Möglichkeiten erforscht, wie Skulpturen durch Vorgänge wie Dekonstruktion, Umkehrung und Kombination Gestalt annehmen. Der Künstler bietet dem Betrachter eine neue Sicht auf die Dinge: durch das Umstülpen der Skulpturen wird das Innere zum Äusseren, und umgekehrt, was eine besondere Wahrnehmungsweise der Arbeiten erzeugt. In der Galerie Buchmann Lugano wird die neue Skulptur Mailänder Dom aus glasierter Keramik gezeigt. Auch in diesem Fall dienen dem Künstler architektonische Formen und seine Italienreisen als Inspiration für eine persönliche Interpretation des Mailänder Doms, in der konkave und konvexe Formen eine ungewöhnliche Sicht auf das berühmte Bauwerk hervorbringen.

Buchmann Lugano Via della Posta 2, CH-6900 Lugano
Ab 19. November | Dienstag bis Freitag: 13.00 – 18.00 Uhr | Samstag: 13.00 – 17.00 Uhr

Thomas Virnich

Mailänder Dom

Lo spazio cittadino Buchmann Lugano presenta a partire da sabato 19 novembre dalle ore 17.00 l’opera  Mailänder Dom dell’artista tedesco Thomas Virnich (*1957, Eschweiler). I lavori di Virnich prendono forma utilizzando un processo sperimentale che indaga le molteplici possibilità della trasformazione in scultura attraverso azioni di decostruzione, capovolgimento e combinazione. L’artista offre all’osservatore una nuova prospettiva: gli interni diventano esterni e viceversa grazie al rovesciamento delle sue sculture, creando una singolare percezione del lavoro.  Nello spazio Buchmann Lugano verrà presentata la scultura inedita in ceramica smaltata Mailänder Dom. L’artista si lascia ispirare dall’architettura e dai suoi viaggi in Italia per realizzare una personale interpretazione del Duomo di Milano in cui forme concave e convesse regalano una visione inusuale del monumento.

Buchmann Lugano Via della Posta 2, CH-6900 Lugano
Dal 19 novembre | Da martedì a venerdì 13.00 – 18.00 | Sabato 13.00 – 17.00

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Die Welt steht Kopf

Auszug aus dem Text von Carl Friedrich Schröer
Zu den Arbeiten von Thomas Virnich

Vor über dreißig Jahren bezog Thomas Virnich mit wachsender Familie und ausufernden Ateliers eine alte, leerstehende Volksschule in Neuwerk, einem östlichen Stadtteil von Mönchengladbach. Das mit „Neuwerk“ passte prima, wie sich die Schule bestens eignete, um von hier aus neue „Welten“ (so ein früher Ausstellungstitel) zu konstruieren. Schließlich stammt Virnich selbst aus einer Lehrerfamilie. Die Schule wurde mit den Jahren mit all ihren Haupt- und Nebengebäuden, Schuppen, Kellern, Treppenhäusern, selbst dem Pausenhof und der alles umfriedenen Mauer zu seinem Zuhause und einer außergewöhnlichen Künstlervilla am Niederrhein, was die alte Schule keineswegs davor bewahrte, um- und ausgebaut, mehrmals zerlegt und neu zusammengesetzt zu werden.

Was der Künstler einen „Prozeß der Aneignung“ nennt, ist eine unablässige Folge von Auspacken, Zerlegen, Ummanteln und Verwandeln. Eine Art künstlerischer Kernspaltung, um aus dem Material (bei Virnich hochaktives Alltagsmaterial) ein explosives Neuwerk zu gewinnen. Wie bei der Schule selbst, ging er auch mit dem Ausgangsmaterial seiner Plastiken vor. Konstruktion und Dekonstruktion, Zerlegen und Zusammensetzen, Entkernen und Ummanteln, Umstülpen und Auftürmen, Aufschneiden und Aufbrechen, werden so aufeinander bezogen und ineinander verschachtelt, daß einem schwindlig werden kann.

Sein großer, mehrteiliger Werkzyklus „Fliegende Katakomben“ (ab 2000), gibt von Virnichs Zugriff auf die Welt ein beredtes Beispiel. Die Formen entspringen unmittelbar den Schulgebäuden mit samt ihren Kellern und Fundamenten. In der aktuellen Ausstellung „Helter Skelter“ sind zwei neue Ausbaustufen zu sehen, die übermannshoch und auf dem Kopf stehend, Sateliten ähneln, die aus einer fernen Galaxie kommend und von der weiten Reise schwer mitgenommen, hier in der gläsernen Halle des Skulpturenpark Waldfrieden gelandet sind.

Wer das Werk von Thomas Virnich betrachtet, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es ist eine kunterbunte, überbordende, einsturzgefährdete Welt aus ineinander verschachtelten Kuben und Häusern, aus spielzeugklein dimensionierten Alltagsgegenständen und stark monumentalisierten Architekturmodellen. So sehr diese märchenhafte Spielzeugwelt, wahlweise für Zwerge oder Riesen, seinem stupenden Spieltrieb entspringt, so sicher baut der Künstler seine Plastiken auf einem soliden bildhauerischen Können auf. Sein künstlerisches Weltmodell bezieht, ganz ähnlich wie unsere Erde, seine künstlerische Spannung zwischen den Polen auf, die sich gegenseitig anziehen und abstoßen. Aus dem Ineinander und Miteinander der Formen, Farben, Materialien und Vorgänge beziehen die Virnischen Figuren ihre Spannung und gewinnen ihr Spiel. Der Künstler fügt es und versucht sein Glück, dass es sich fügt. Nie aber läßt sich der Anteil des Einen oder Anderen klar trennen. So gesehen schafft Thomas Virnich skulpturale Happenings. Oder besser gesagt, er lässt ihr Entstehen zu. Die plastische Form ergibt sich aus der Negativform, das Oben bedingt das Unten, der bildhauerische Wille wird in seiner Abhängigkeit vom handwerklichen Geschick gezeigt. Die Änderung der Perspektive, der Tausch der Dimensionen, des Innen und Außen und Oben und Unten, der künstlerische Gestaltungswille (eingeschlossen die Zerstörungskraft) und das Gewährenlassen des schönen Zufalls.

Aber ist Thomas Virnichs Kunst nicht das genaue Gegenteil all dessen? Drangvolles Erfinden, überbordendes Formen, erzählerische Figürlichkeit, laute Farbigkeit, mithin Fülle statt Stille, Feuerwerk der Formen und des Materials, statt Formenstrenge und minimalistisches Geschenlassen.

John Cage etwa komponierte indem er eine Zufallscollage entstehen ließ, eine zufällig entstehende Reihung aus Alltagsgeräuschen ergab das Compositum.

Auch Virnich steht in der Tradition der Collage, die er wie kaum ein Zweiter für die Bildhauerrei aktivierte. Spielen, Sammeln, Schneiden, Sägen, Reißen, Kleben, Schaben, Schmelzen, Übermalen, Montieren und Demontieren sind die Grund(be)griffe seiner Arbeit. Virnichs wundersame Schwebezustände entstehen aus assoziativen Montagekoppelungen. Schöpferische Kraft und ihre Negativform, die Zerstörung, bringt er auf immer wieder wundervoll verstörende oder auch haarsträubende Weise in ein halsbrecherisches, labiles Gleichgewicht.

Wo von Thomas Virnichs Kunst die Rede ist, wird bald auch vom Spielen gesprochen. Dieser homo ludens entwickelt spielerisch lustvoll und scheinbar kinderleicht eine schwindelerregende Fülle an Formen und Figuren. Katakomben fliegen, die Welt steht Kopf.

Thomas Virnich vertraut bei allem auf sein Glück im Spiel: Handwerkliches Geschick, jahrzehntlange Erfahrung, tägliche Materialerprobung und eine stupende, unbändige Tüchtigkeit. Indem er sein plastisches Glück immer wieder auf die Probe stellt, läßt er es zu – art happens.

arte-ria

Studio d’architettura Christoph Zürcher,

Via Vincenzo Vela 8a, Locarno

bis 30. November 2016,

Werktags jeweils von 08.30-12.30 / 14.00-17.30 Uhr.

 

TZ-Magazin19-8-2016