„Die Zukunft gehört den Künstlern“

Rheinischen Post 03/2017 Generation 50plus
Das Interview führte Lisa Kreuzmann Fotos: Jörg Knappe

Der Gladbacher Bildhauer Thomas Virnich über eine Zukunft voller Muße, die Einsamkeit des Künstlers und das, was Sehnsucht bedeutet.


Sie sind Bildhauer und Maler, arbeiten mit vielen verschiedenen Materialien. Was bedeuten Ihnen die Werke?

Thomas Virnich: Ich hänge sehr an meiner Kunst. Man kann sagen, ich habe mich in die Kunst verworren. Ich bin darin zu Hause. Ich lese auch sehr gerne oder beschäftige mich mit Philosophie. Es geht mir ans Herz, wie die Welt sich verändert.

 

Welche Veränderungen meinen Sie?

Thomas Virnich: Stellen Sie sich mal vor, bald arbeiten Computer für uns. Dann könnten Utopien, wie die nur noch drei Stunden am Tag zu arbeiten, tatsächlich wahr werden.

 

Sie glauben also, dass die meisten Menschen keiner gewöhnlichen Erwerbsarbeit mit einer 40-Stunden-Woche mehr nachgehen werden, sondern stattdessen malen, schreiben und komponieren?

Thomas Virnich: Ja, die Zukunft gehört ganz klar den musischen Tätigkeiten. Durch die Digitalisierung wird es eines Tages nicht mehr nötig sein, gewöhnliche Jobs zu machen. Und wenn das so kommt, muss man die Zeit sinnvoll zu nutzen wissen. Als Künstler bin ich also sozusagen am Puls der Zeit.

 

Aber wird ein individuelles Künstlerdasein nicht uninteressant, sobald sich alle für Künstler halten?

Thomas Virnich: Ich kann mir nicht vorstellen, dass man nur Muse treibt, aber die Tendenz ist so. Das ist natürlich eine Idealvorstellung. Ich glaube aber grundsätzlich daran, dass künstlerisches Leben viel mehr Raum einnehmen wird. Aber das ist eine Hoffnung. Es kann auch ganz anders ausgehen.

 

In Mönchengladbach hatten Sie mit den Hausblöcken 1985 eine Ihrer ersten öffentlichen Ausstellungen. Bekommt die Kunst in Mönchengladbach aktuell genügend Raum?

Thomas Virnich: Die Kunst kann nie genügend Raum bekommen, weil das die Zukunft ist. Gerne habe ich hier, dass man in Ruhe gelassen wird. Die Umgebung ist nicht so hektisch, aber es ist trotzdem eine Stadt. Auch die Nähe zu Düsseldorf schätze ich sehr. Nichtsdestotrotz kenne ich viele Sammlerfamilien, die weggezogen sind, weil sie mehr Nähe zu Künstlern gesucht haben. Wir müssen daran arbeiten, die Künstler hier zu behalten, mehr Stipendien ausschreiben. Künstlerförderung ist gut für das Ansehen der Stadt.

 

Lassen Sie uns über Ihre eigene Kunst reden. In Ihren neuesten Arbeiten stellen Sie Wohnhäuser und sakrale Bauten auf den Kopf, stülpen sie um, setzen sie neu zusammen und zeigen diese losgelöst von der gewohnten Strenge der Architektur — in organischen Formen, beinahe wie Marzipanhäuser. Wann haben Sie Ihr Faible für Architektur entdeckt?

Thomas Virnich: Ich habe damit als junger Mann schon angefangen. Ich habe das Puppenhaus meiner Schwester zersägt und dann Ummantelung und Innenleben neu gestaltet.

 

Was reizt Sie daran, die Gesetze der Physik aufzuheben?

Thomas Virnich: Einfache Bausätze sind zwar schön, aber langweilig. Architektur ist gewachsen. Da kommt auch Geschichte hinzu. Das fasziniert mich. So bin ich dazu gekommen, Bauwerke zu verfremden und lebendig zu machen. Aber ich muss auch zugeben, ein Gebäude eins zu eins nachzubilden, ist schwieriger. Also habe ich aus der Not eine Tugend gemacht. Aber das wäre zu eindimensional. Es klappte auch nicht, weil es so langweilig war.

 

Ist ihre Arbeitsweise denn rein gestalterischer Motivation oder steckt dahinter eine Idee?

Thomas Virnich: Hinter einem Bauwerk steht immer ein tieferer Sinn – die Nähe zu Gott, Macht. Diese Bedeutung kann man nicht ausblenden. Jedes Bauwerk ist eine Manifestation des Menschseins. Und ich gehe davon aus, dass meine Werke die Manifestation meines künstlerischen Menschseins sind.

 

Vor der Abtei steht Ihr Turmbau zu Babel (2002). Der Bibel nach steht er für die Infragestellung der vom Menschen erbauten Welt . Wofür steht er für Sie?

Thomas Virnich: Das ist ein solch tolles Thema. Die Menschheit hat einen Turm gebaut und dann kam die Sprachverwirrung. Wenn man das künstlerisch fasst, ist das eine schöne Arbeit, aber auch eine grausame, weil nichts aufeinander steht. Und das bedeutet: Wir leben gefährlich. Wir sind hoffnungsvoll, aber es kann immer wieder Krieg geben. Von einen Tag auf den anderen könnte alles vorbei sein. Nehmen wir den aktuellen Konflikt zwischen den USA und Nordkorea. Sollte es einen Atomkrieg geben, bomben wir uns ins Vormittelalter zurück. Will heißen: Das Glück ist gefährdet.

 

Sind Sie ein Pessimist oder ein Optimist?

Thomas Virnich: Optimist. Ich wundere mich über die Frage, ich sammele so viel Material, ich glaube nicht, dass ein Pessimist so viel Zeug hätte wie ich.

 

Aber Sie glauben, dass das Glück fragil ist.

Thomas Virnich: Das Glück muss erkämpft werden, ja. Aber ich halte mich für einen Optimisten, weil ich immer wieder aufstehe. Und die vielen Sachen, die ich zusammensammele und an denen ich arbeite, sind noch nicht zurechtgerückt. Das wird noch viel Zeit in Anspruch nehmen. Ich bin Optimist, weil ich zuversichtlich bin, dass alle meine Werke eines Tages so weit sind, ausgestellt zu werden. Ich schaue in die Zukunft und denke: Es wird schon werden.

 

Sie lehren auch an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Inspiriert Sie die Zusammenarbeit mit den Studenten?

Thomas Virnich: Ja, aber richtig. Sie sehen das noch so naiv, sind sprunghafter, machen noch Taten, sind frischer, sind nicht von Vorsicht geplagt. Aber die jungen Leute machen auch viele Fehler.

 

Welche Fehler kann man in der Kunst machen?

Thomas Virnich: Nicht zu arbeiten, den Tag ruhig angehen zu lassen. Es gibt Studenten, die wurden an der Hochschule angenommen und ruhen sich dann aus. Und das ist ein Fehler für mich. Die Zeit geht schnell vorbei. Und dann sind mir aktive Menschen lieber.

 

Sie selbst sind sehr produktiv. Haben Sie Ihre Werke schon einmal gezählt?

Thomas Virnich: Nein, aber ich tue jeden Tag etwas. Jeder Tag ist für mich eine Aufgabe. Es gibt Tage, an denen schaffe ich ganz viel, und es gibt Tage, da schaffe ich nichts. Am Sonntag gehe ich dann auf einen Flohmarkt, das ist auch Arbeit, weil ich mir Gedanken mache. Ich bin immer so aufgeregt, weil ich nicht so viel Zeit habe, verstehen Sie?

 

Sie haben das Gefühl, nicht so viel Zeit wie Ideen zu haben. Klingt mehr nach einem Künstlertyp, der sich in seinem Atelier vergräbt, als nach dem exzentrischen Kunststar…

Thomas Virnich: Das ist nicht so einfach. Ich finde, ich muss meine Sachen selbst entwickeln. Ich bin gerne unter Leuten, ich telefoniere viel, ich habe eine große Familie, aber ich stelle fest, dass ich im Grunde genommen ab und zu einsam bin. Beides zusammen wäre ideal. Der bildende Künstler ist aber wahrscheinlich Alleindarsteller. Aber da bin ich wohl nicht alleine mit. Man ist einsam, und doch mit Gleichgesinnten zusammen, die auch einsam sind und sich nach den gleichen Zielen sehnen. Die Sehnsucht ist das, was Menschen ausmacht.

 

Wonach sehnen Sie sich?

Thomas Virnich: Sehnsucht ist der Zustand, der Glück verspricht, das noch nicht da ist. Er ist das Ziel. Glücklich bin ich, wenn ich das Ziel habe, das noch nicht da ist. Zum Beispiel eine Ausstellung oder ein Kind, das geboren wird oder eine Zukunftsvision.

 

Vorfreude also?

Thomas Virnich: Ja, aber die tätige Vorfreude. Ich muss etwas tun.

 

In einigen Arbeiten stülpen Sie das Innerste nach außen. Man kann vom Glück reden, dass Sie dabei bisher einen Schwerpunkt auf Architektur legen, anstatt auf die menschliche Figur. Was reizt Sie an dem Thema?

Thomas Virnich: Das ist eine Dimension mehr. Das ist wie einen Strumpf auf links zu drehen. Dann kommen alle Innereien nach außen, bei Architektur, aber auch bei Kleidung. Ich habe zum Beispiel schon immer diese Anoraks geliebt, die man von außen und innen tragen kann. Man kann damit spielen, dass man das Innere auch wahrnimmt. Das habe ich etwa auch bei meiner Ausstellung „Heiter Skelter“ so gemacht. Zu sehen ist ein Haus und ein Raumschiff, die beide aus einer Form geschaffen sind, die ich umgestülpt habe. Für mich steckt dahinter: Die Zukunft und die Vergangenheit sind auswechselbar.

 

Weil die Zukunft in der Vergangenheit steckt und umgekehrt?

Thomas Virnich: Vor unserer Zeit hätte auch die Zukunft liegen können. Wir leben im Hier und Jetzt, das, was in Zukunft ist, können wir nicht wissen, aber das, was vergangen ist, können wir erahnen. Aus der Vergangenheit können wir lernen, was die Zukunft sein wird. Aber das ist ein Wagnis.

 

Wie sieht Ihre Zukunft aus? Welche Projekte stehen an?

Thomas Virnich: Im Frühjahr 2018 werde ich eine Doppelausstellung in Zürich haben, es ist außerdem eine Ausstellung in Braunschweig geplant.