Biografie

1957
geboren in Eschweiler
1978-1981
Studium an der RWTH Aachen bei Joachim Bandau
1981-1985
Studium an der Kunstakademie Düsseldorf bei Alfonso Hüppi und Eugen Gomringer
1983
Reisestipendium der Gesellschaft der Freunde u. Förderer der Kunstakademie Düsseldorf
Förderpreis der Stadt Aachen
Förderpreis des Bundeswettbewerbs „Kunststudenten stellen aus“, Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft
1987
Villa Romana Preis, Florenz
1987-1989
Karl Schmidt-Rottluff Stipendium
1991
Villa Massimo Preis, Rom
seit 1992
Professur an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig
2001
Niedersächsischer Kunstpreis

Ausstellungen

1983
Thomas Virnich – Ein Kunststudent packt aus. Rosenthal, Selb
Thomas Virnich – Werner Hoffmann. Brühler Kunstverein, Brühl
Alles: Autos, Flugzeuge, Schiffe etc. Galerie Reckermann, Köln
1983/84
Ein Panzer wird zerlegt. Moltkerei, Köln (Neue Galerie – Sammlung Ludwig, Aachen)
1985
Thomas Virnich – Hausblöcke. Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach (Cat.)
Galerie Linie, Moers
Spuren, Skulpturen und Monumente ihrer präzisen Reise. Kunsthaus Zürich (Cat.)
1986
Thomas Virnich. Kunstraum München (Institut für moderne Kunst der Schmidtbank Galerie, Nürnberg | Galerie Emmerich-Baumann, Zürich) (Cat.)
Thomas Virnich – Große Kiste. Rortterdamse Kunststichting, Rotterdam
1987
Thomas Virnich – Zwischenräume 1979-1987. Galerie Reckermann, Köln (Cat.)
Wechselströme, Bonner Kunstverein
documenta 8., Kassel
1988
Thomas Virnich – Rad 2. Galerie Fahnemann, Berlin (Cat.)
1988/89
Thomas Virnich. Bonner Kunstverein, Bonn (Museum Wiesbaden, Heidelberger Kunstverein) (Cat.)
1989
Thomas Virnich. (Karl Schmidt-Rottluff-Stipendium) Städtische Kunsthalle Düsseldorf (Cat.)
Thomas Virnich / Benjamin Katz. Galerie Buchmann, Basel (Cat.)
1989/90
Thomas Virnich. Kunstverein und Kunstmuseum St. Gallen (Cat.)
1990
Thomas Virnich. Galerie Reckermann, Köln (Cat.)
Galerie Buchmann, Basel
1991
Thomas Virnich. Deweer Art Gallery,
Otegem/Belgien (Cat.)
Galerie Buchmann, Basel
1992
Thomas Virnich. Galerie Meyer-Ellinger, Frankfurt am Main (Cat.)
Galerie Reckermann, Köln
1993
Galerie Löhrl, Mönchengladbach
1994
Games of Art / Ralph Merten, Mönchengladbach
Thomas Virnich – Kleine Welten. Produzentengalerie, Hamburg (Cat.)
1995
Thomas Virnich – Welten. Städtische Galerie Remscheid (Cat.)
1996
Thomas Virnich – alles wirklich. Kunstverein Braunschweig (Cat.)
1997
Gigantes-Eshozos, La Gomera
1997/98
Thomas Virnich. Kunstverein Region Heinsberg (Cat.)
1998
Thomas Virnich – Altarskulptur. Bartholomäus-Kapelle, Paderborn
Universum. Schloß Mosigkau, Dessau
Galerie Reekermann, Köln
1999
Galerie Holtmann, Berlin
2000
Künstlerbücher – Museum Burg Wissem, Troisdorf (Cat.)
2001
Thomas Virnich – Fliegende Katakomben
Museum Wiesbaden
Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen, Magdeburg
Neues Museum – Staatliches Museum für Kunst und Design, Nürnberg
Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach)
2002
Bescherung, Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst, München
2003
Malkasten, Düsseldorf
2003/04
Schatztruhe, Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg
2005
Kunstverein Bonn
Wilhelm-Lehmbruck Museum, Duisburg
2007/08
Thomas Virnich – Umgestülpter Engel. Multiples 1983 – 2007
Aargauer Kunsthaus, Aarau (Schweiz)
Museum Wiesbaden
Skulpturenmuseum Glaskasten, Marl
2011
Paradies Hin und Zurück. Roemer- und Pelizaeus-Museum, Hildesheim
2012
Erdgeister. Galerie Reckermann, Köln
2014
on mountains and other holes, Galerie Michael Haas, Berlin
Thomas Virnich. Die Welt am Kleiderhaken. Museum DKM, Duisburg
2015/16
Thomas Virnich – Helter Skelter, Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal

Verschachtelungen in vielerlei Gestalt

Zu den Skulpturen von Thomas Virnich

Ich betrachte eine Fotografie. Sie stimmt mich heiter, zeigt sie doch einen kleinen Jungen mit einem strahlenden Lächeln. Fein gemacht und ordentlich gekämmt steht er vor einer dieser braunen Schrankwände, wie sie in deutschen Wohnzimmern der 1960er Jahre landauf, landab zu finden waren. Einige wenige Bücher sind zu sehen, darunter Lexikonbände mit ihren mit Goldschnitten geschmückten Rücken; Meyer‘s oder Brockhaus – das variierte von Haushalt zu Haushalt. Eine Vase mit einer einzelnen Blume lugt hinter der linken Schulter des Kindes hervor. Gemusterte Auslegeware bedeckt den Boden. Der Junge hält den Deichselgriff eines kleinen Leiterwagens in der rechten Hand. Darin seine Kuscheltiere. Ein weißer Hase mit seinen langen Ohren ist deutlich zu erkennen, es scheint, als winke er in die Kamera. Das ist die Kinderwelt von Thomas Virnich, der im Frühjahr 2007 fünfzig Jahre alt wurde.

Die Fotografie war mir 2001 in die Hände gefallen, als ich das Abbildungsmaterial für den Katalog sichtete, der Thomas Virnich‘s Ausstellungstournee durch die Museen in Wiesbaden, Magdeburg, Nürnberg und Mönchengladbach begleiten sollte. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin fügten wir das Kinderbild seiner Biographie im Katalog bei. „Sieh an, das Kind im Mann“ dachte ich damals bei mir und erfüllte ihm seinen Wunsch. Die Tournee mit dem programmatischen Titel ‚Fliegende Katakomben‘ startete im März 2001 im Wiesbadener Museum und endete im September 2002 im Städtischen Museum Abteiberg in Mönchengladbach. ,Zwischenlandungen‘ gab es von Oktober 2001 bis Januar 2002 im Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg und vom Februar 2002 bis Juni 2002 im Neuen Museum für Kunst und Design in Nürnberg.

Ich sehe es noch heute vor mir, wie die großen, bunten, merkwürdig anmutenden und fragil wirkenden Gebilde, die Thomas Virnich für die Tournee zusammengestellt hatte, im Hof des Wiesbadener Museums aus dem Transport-Lastwagen gehievt und auf fahrbaren Untersetzern in die Ausstellungsraume verbracht wurden. Sie zitterten und taumelten ein wenig unterwegs – zum Schrecken der Restauratoren, die das delikate Ausstellungsgut nicht aus den Augen ließen. Mir kam beim Zuschauen des Einzugs der Skulpturen in die Museumsräume das Bild des Leiterwagens wieder in den Sinn, samt seines fröhlich zusammengewürfelten Inhalts. Was jetzt durch die Gegend gezogen wurde, waren jedoch keine Kuscheltiere, sondern bizarre Formen, die einer überbordenden Phantasie entsprungen zu sein schienen, Bäume, Häuser und Laternen waren zu erkennen – anderes war auf den ersten Blick nicht eindeutig zu identifizieren. Eine chaotische Anhäufung von Dingen bot sich dem Auge dar, kopfüber und kopfunter in einer geradezu närrischen Inszenierung. Thomas Virnich, der ,Erfinder‘ dieser Wunderwelt, war zu diesem Zeitpunkt zwar längst seinen Kinderschuhen entwachsen, gleichwohl, so schien es, waren ihm die anarchistischen Wesenszüge eines Kindes erhalten geblieben. Zudem hatte ich es hier mit einem waschechten Rheinländer zu tun (die Sprache verrät ihn!) und so blieb es nicht aus, dass sich mir auch Bilder vom rheinischen Karneval aufdrängten. Van da aus war es gedanklich nicht weit zum ,Narrenschiff’ von Sebastian Brant, dieser spätmittelalterlichen Moralsatire, die eine Typologie von Über 100 Narren auf einem Schiff mit Kurs gen ,Narragonien‘ entwirft und so der ,verkehrten’ Welt durch eine unterhaltsame Schilderung ihrer Laster kritisch den Spiegel vorhält.

Es musste während meiner Schulzeit gewesen sein, dass mir diese gereimte Satire von Sebastian Brant begegnet war und ich erinnerte mich an eine Besonderheit, die mich damals zutiefst beeindruckt hatte: die Illustrationen zu diesem 1494 erschienenen Werk hatte Albrecht Dürer beigesteuert. Bereits das Titelblatt zeigt eine Arbeit von seiner Hand: zu sehen sind drei Schiffe auf wild bewegten Wellen, in denen dicht an dicht gedrängt gestikulierende Narren stehen, erkennbar an ihrem wohl wichtigsten Attribut, der mit Schellen bestückten Narrenkappen. Das Bild solcher Narrenschiffe sollte auch nachfolgende Künstlergenerationen beschäftigen und selbst in der Welt der Popkultur der 1960er und 1970er Jahre tauchte dieser Topos noch einmal auf. Die legendäre amerikanische Band ,The Grateful Dead‘ oder auch die ,Doors‘ mit ihrem charismatischen Sänger Jim Morrison hatten dem ‚Ship of Fools‘ auf jeweils eigene Weise ein Denkmal gesetzt. Die Musik solcher Bands und ihre Auftritte in Konzerthallen und bei Open-Air-Festivals sollte das Lebensgefühl ganzer Generationen mitprägen. Ich stellte mir vor, dass auch Thomas Virnich davon nicht ganz unberührt geblieben war.

Und nun waren also diese ,Fliegenden Katakomben‘ auf uns hernieder gekommen, ein Sammelsurium von verrückten und aberwitzigen Formen und Farben. Wie fremdartige Wesen aus einer anderen Galaxie bevölkerten sie die Ausstellungsräume, standen in kleinen Gruppen wie zum Gespräch beisammen oder schwebten Über den Häuptern der Besucher. Das Unterste war zuoberst gekehrt, Häuser standen Kopf und Baumwurzeln reckten ihre Tentakeln in die Höhe. Ab und zu eine kleine Lichtquelle. Ein Rätseln und Staunen setzte ein, viel Gelächter, Neugierde und Entdeckerlust, vor allem bei Kindern, die mit ihren Erfahrungen aus den ScienceFiction-Welten von Raumschiff ,Enterprise‘ oder ,Star-Trek‘ den Erwachsenen einiges voraus hatten. Aber was hatte das alles in einem Museum zu Suchen?

Der Katalog und die Berichte des ,Captains‘ dieser merkwürdigen Raumschiff-Besatzung sollten Auskunft geben. Begonnen hatte alles mit einem Hubschrauber-Flug. Ein lang gehegter Wunsch war in Erfüllung gegangen, als Thomas Virnich sein Anwesen, dieses ummauerte ehemalige Schulgelände mit seinen Gebäuden und den Hofanlagen in einem Mönchengladbacher Stadtteil, überfliegen konnte. Plötzlich diese Übersicht, diese phantastische Möglichkeit, seine Welt, die er seit Jahren mit seiner Familie bewohnte, mit einem Blick erfassen zu können, zu sehen, wie sie ich als kleine ‚lnsel‘ abhob von der normalen Umgebung mit ihren schnurgeraden Häuserzeilen, ordentlichen Vorgarten und verkehrsgetechten Wegeführungen. Fotos von oben wurden geschossen In diesen Momenten ging es Thomas Virnich wohl nicht anders, als jenen Haus- und Hofbesitzern, die voller Besitzerstolz und sorgfältig gerahmt die Ergebnisse der luftigen Abenteuer in ihren Wohnstuben präsentierten. Ein ganzer Fotografenstand, spezialisiert auf diese Form der ‚Porträt-Fotografie, konnte davon gut leben.

Thomas Virnich kam anderes in den Sinn. Der Blick von oben zündete den Gedankenfunken, seine Lebens- und Arbeitswelt einmal nicht mit den Augen eines Bauherrn zu betrachten, sondern sie als ein Skulpturales Gesamtkunstwerk zu verstehen. Seinem Flugabenteuer vorausgegangen waren etliche Jahre des Aufbaus „eines kleinen Planeten“ (T.V.), in denen im Laufe der Zeit sie Bereiche des Lebens und Arbeitens auf einzigartige Weise miteinnder verschmolzen waren. Parallel zu den Baumaßnahmen hatte Thomas Virnich nämlich eine Reihe von Skulpturen kleineren und größeren Ausmaßes erschaffen, die sich wie selbstverständlich unter den familiärenHausrat mischten und auf dem gesamten Anwesen ihre Nischen besetzten.

Schon als Kind hatte er mit elterlicher Ermunterung gerne gezeichnet und so nimmt es nicht Wunder, dass er in die Fußstapfen seines Vaters getreten war, um wie dieser den Beruf des Kunstlehrers auszuüben. Die eigene künstlerische Tätigkeit, das Arbeiten auf der Fläche, wurde für ihn jedoch immer fragwürdiger. Mit dem Falten von bemalter Zeichenpappe näherte er sich daher folgerichtig in ersten Versuchen der dritten Dimension an, diesmal gefördert von einem seiner Lehrer an der Technischen Hochschule in Aachen, dem Bildhauer Joachim Bandau. Großartige Dozenten, die ihn auf dem einmal eingeschlagenen Weg weiter begleiten sollten, waren Eugen Gomringer und Alfonso Hüppi von der Kunstakademie in Düsseldorf, die Thomas Virnich parallel zu seinem Lehrerberuf von 1981-1985 besuchte.

Erste Einzel— und Gruppenausstellungen katapultierien ihn schon während der Studienzeit in die Kunstwelt. Mit seinen den Werken eingeschriebenen Formfindungsprozessen und ihren Bearbeitungsspuren hat Thomas Virnich zu Mitte der 1980er Jahre einen exponierten Platz im Spektrum der Bildhauer-Kunst gefunden und Einzug gehalten in Ausstellungen und Sammlungen jener Jahre. Welches Motiv er auch immer wählte, fast alle Arbeiten dieser Zeit zeichneten sich bereits durch einige Gemeinsamkeiten aus, die auch für die spätere Werkentwicklung Bedeutung haben sollte: das Prinzip des Wechsels von der Fläche zum Volumen, das Prinzip der Formverönderung mittels Zerstörung und Rekonstruktion sowie das dialektische Spiel von Räumen in Körpern und das von Körpern in umschlossenen Räumen.

Und noch etwas trat bei diesen Arbeiten schon deutlich hervor. Es ist der erklärtermaßen handwerklich-manuelle Formfindungsprozeß, der durch die Wahl des Materials – zunächst Papier, Pappe, Karton, später dann Holz, Ton, Blei – und durch die sichtbaren Bearbeitungsspuren bewusst den Eindruck des provisorischen herausstellte.

Thomas Virnich machte sich mit seinen Skulpturen national wie international einen Namen, der ihm anerkannte und begehrte Stipendien und Preise einbrachte, so beispielsweise den Villa Romane Preis, der ihn 1987 nach Florenz führte, oder den Villa Massimo Preis, der ihm 1991 einen Aufenthalt in Rom ermöglichte. Wie inspirierend solche Aufenthalte waren, sei an einer Arbeit verdeutlicht, die er 1989 im Wiesbadener Museum präsentierte und deren Versatzstücke er 1987 in Florenz vorgefunden hatte.

Das Ausgangsmaterial für diese Arbeit, die den Namen ‚Amerigo Vespucci‘ trägt, lieferte ein in Florenz am Arno-Ufer zerschelltes Boot. Mit den Alters- und Verrottungspuren zeigenden Bootsfragmenten begab sich Thomas Virnich auf eine Entdeckungsreise, in deren Verlauf er seinem künstlerisches Credo Ausdruck gab, vorgefundene Dinge ohne besonderen Wert oder Bruchstücke und Einzelteile, an denen eine persönliche Erinnerung haftete, in einen neuen Zusond zu überführen. Im künstlerischen Prozess des erneuten Zerteilens, der Ummantelung und Abformung der Bootsteile mittels Ton oder Blei wurden die Unterschiede zwischen den vorgetundenen Materialien und den daraus neu geschaffen Formen aufgehoben und die Grenze zwischen Natur, d.h. natürlich gealtertem, und Kunst verwisch.

Eine Reihe von skulpturalen Beispielen, die diesen Prozess der Umwandlung durchlaufen hatten, ließe sich an dieser Stele anführen. Stellvertretend seien hier die Spielzeugautos oder Flugzeuge genannt, die Globen und Atlanten, die Kisten oder auch ein Puppenhaus, die Thomas Virnich säuberlich seziert und in Einzelteile zerlegt hatte, um sie erneut abzuformen, entstehende Hohlformen auszufüllen, sie mit neuen Formen und wesensfremden Materiaien zu ergänzen und akribisch wiederzusammenzusetzen. Als wahre Fundgruben fur seine Arbeitsutensilien entpuppten sich neben den eigenen ,Vorratskammern’ Flohmärkte, Schrottplätze oder auch die Läaden von Antiquitätenhändlern.

Bei einem dieser Antiquitätenhandler, den er Antang der 1990er Jahre in Antwerpen kennengelernt hatte, stieß er auf ein Lager schier unüberschaubaren Ausmaßes, das allen nur erdenklichen Kuriositäten Raum bot. Da gab es Raumschiffe und Galaxiemodelle, Requisiten aus dem Kinoklassiker ‚Der Krieg der Sterne‘ und andere Wunderdinge aus der Film- und Unterhaltungsindustrie. Zunächst Fotografiert und Filmt er diese neu entdeckte Schatzkammer, um sich jedoch dann zum Kauf von Raumschiffmodellen und Gadgets aus populören Sciencetiction-Filmen zu entscheiden. Er probt deren Nachbau in Papier und Pappe und entwickelt daraus, in Kombination mit weiteren Motiven, eigenständige skulptrurale Obiekte.

Beim Nachbilden, Neukonstruieren und Abzeichnen der Sciencefiction-Modelle wird ihm deutlich, aus welchen Quellen der Kulturgeschichte sich diese Utensilien der Zukunhswelten gespeist hatten. Er entdeckt die architektonischen Prinzipien aztekischer oder ägyptischer Tempelanlagen, aber auch die Grundgerippe mittelalterlicher Kathedralen. Die himmelwörts strebenden Skelette dieser Prachtbauten, jeglichen Schmuckes beraubt, werden zur Vorlage für einige seineEr Phantasiegebilde. Beim Betrachten eines solchen Gebildes in Thomas Virnich’s Atelier erinnerte ich mich mit Erschütterung an die weltweit veröffentlichten Photos der Ruinen, die vor den verheerenden Flugzeugattacken die stolzen New Yorker Twin-Towers verkörpert hatten.

Für Thomas Virnich wird die Begegnung mit den Welten der Vergangenheit und der fiktiven Zukunft impulsgebend für ein Großproiekt: die Nachbildung seiner eigenen ,Galaxie‘, die Überführung seiner privaten Wohn- und Arbeitswelt in eine skulpturale Form. Er nähert sich seinem Proiekt, indem er Sperrholzmodelle von den verschiedenen Gebäudeteilen mit ihren Räumen und allem dazugehörigen Inventar entwirft. Unzufriedenheit mit dem Material und der Form der realen Abbildung führt zu einem anderen Prozess der Herstellung. Mit Papier und Pappe gelingt es ihm, die Wohn- und Arbeitsräume sowie den Hof skulptural freier zu fassen.

Ein weiterer Gedanke kommt hinzu. Thomas Virnich erinnert sich an die Katakomben, die er während seines Aufenthaltes in Rom mehrmals besichtigt hatte. Seine Phantasie wird beflügelt von den Berichten der Nachbarn, dass es unter seinem Anwesen einmal unterirdische Schutzröume gegeben haben soll. Er macht sich daran, eine Form herauszuarbeiten, die die sichtbare Welt mit der nicht sichtbaren, unterirdischen verbindet. Heraus kommen Skulpturen, bei deren Betrachten sich die Frage aufdrängt: Wo sollen sie ihren Anfang und ihr Ende finden, wo gewinnen sie die horizontale Linie, an der sich das Oberirdische vom Unterirdischen scheidet. Aus Papier, Pappe und Farbe baut Thomas Virnich ein Modell, eine vielteilige und schön anzuschauende Form, die das Oben und das Unten der gesamten Anlage über eine mittig gesetzte Horizontale in Beziehung setzt und in Einklang halt.

Während er noch an seinem Großproiekt arbeitet, kommt die Einladung von Harald Szeemann, an der Ausstellung ‚Weltuntergang & Prinzip Hoffnung‘ im Kunsthaus Zürich teilzunehmen. Für sein neues kleines Modell lässt man ein Podest bauen, auf dessen oberer Abdeckung ein Spiegel angebracht wird, Auf diese Weise wird es dem Betrachter ermöglicht, die Unterseite der Arbeit zu sehen. Für Thomas Virnich ist das die Entscheidung, seine zuhause begonnene Großinstallation umzuarbeiten, Die Skulpturen werden von den Füßen auf den Kopf gestellt, Das bisher nicht Sichtbare, die unentdeckte untere Welt bildet nun das Oben, die bekannte und sichtbare Welt wird kopfunter präsentiert, Visavis zu ihrem spiegelnden Ebenbild. Die Begrenzung und Unterscheidung der beiden Welten liegt auf Augenhöhe, so dass die ‚Unterwelt‘ nun Über den Köpfen der Museumsbesucher in den Himmel ragt. In dieser Gestalt traten die ,Fliegenden Katakomben‘ ihre Raumschiff-Mission durch die eingangs erwähnten Museen an.

Sechs Jahre sind seitdem vergangen und ich freute mich, als die Idee geboren wurde, kleine Botschafter aus Thomas Virnich‘s Galaxie auf Reisen zu schicken. Seine wunderbaren Multiples, von denen mein Kollege Stephan Kunz in seinem Textbeitrag in diesem Katalog erzählt. Zur Vorbereitung der Ausstellungstournee bot sich ein erneuter Besuch in Mönchengladbach an.

Noch immer kommt man sich beim Durchstöbern von Thomas Virnich‘s Anwesen wie Alice im Wunderland vor. Man mag es kaum glauben, dass all das, was einem auch diesmal so verwirrend in die Augen springt, was die Regale, Tische, Fußböden und Hofecken bevölkert, einmal zu einem Bestandteil von Kunst werden soll. Man begegnet hier der Leidenschaft eines Sammlers, der sich all dessen annimmt, was für andere wertlos geworden ist, was nicht mehr einen Nutzen zugefügt werden kann. Was zu ,Trash’ degradiert wurde, nachdem es seine Schuldigkeit getan hat, in Zusammenhängen, die nicht mehr oder nur schwer zu erkennen sind. Es scheint, als sähe Thomas Virnich den Dingen an, was in ihnen steckt, welches künstlerische Potential sie enthalten.

Sein Sammeln ist dabei nicht zielgerichtet, nicht ‚sinnvoll‘ im Sinne von Verwertbarkeit. Es hat nichts mit dem pedantischen und ordentlichem Horten zu tun, mit denen ein Heimwerker seine Garage füllt, in der Hoffnung, dass ihm jedes gesammelte Stück, jede Schraube oder jedes Blechteil einmal einen nützlichen Dienst erweisen wird.

Wahrscheinlich kennt Thomas Virnich die zukünftige Gestalt all dieser von Ihm autbewahrten Dinge oft selbst nicht genau, vermutlich beruhigt es ihn ganz einfach, wenn er sie um sich hat. Beim Betrachten der Schätze musste ich unwillkürlich an Kinder denken, deren Eltern zu arm sind, Spielzeuge für sie zu kaufen. Diese Kinder haben sich den Blick bewahrt, in einem Stück Schrott oder im Müll phantastische Möglichkeiten einer glücklichen Verwandlung zu entdecken.

Sicher war es ein solcher Blick, der Thomas Virnich’s Helikopterflug über das eigene Atelier- und Wohnquartier in etwas völlig anderes münden ließ, als in ein Foto an der Wand.

Volker Rattemeyer