Ludwigs Gartenhaus

Thomas Virnichs Intervention im Park des Ludwig Forums entstand anlässlich der Eröffnung des Gebäudes 1991 und erinnert auf den ersten Blick an eine Ruinenarchitektur, die als Element des Landschaftsgartens eine lange Tradition aufweist. Tatsächlich bildete ein leer stehendes Gewächshaus den Ausgangspunkt, das nun aber nur noch in seinem ursprünglichen Volumen zu erkennen ist.

Der Künstler füllte den Innenraum dieses fragmentarisch erhaltenen Bauwerks mit großen handgeformten Ziegelsteinen aus, die innen hohl sein mussten, um sie brennen zu können. Der Innenraum wurde so zur Skulptur, auf der die ehemalige Außenhaut des Gebäudes als Abdruck erhalten blieb. Die Skluptur spiegelt das Interesse des Künstlers an der Wechselwirkung von Fläche und Raum, von Innen und Außen, wobei er hier das verborgene Innere sichtbar macht, um es gleichzeitig durch die Ummantelung wieder den Blicken zu entziehen.


Jahr

1991

Material

Keramik, Zinkblech, Ziegelstein, Ton

Dimension

1500 x 270 x 240 cm

Ort

Aachen, Garten des Ludwig Forums für Internationale Kunst, Jülicher Straße 97-109

Fotos

Carsten Gliese

Launch Site

LUDWIGS GARTENHAUS

Im Frühjahr 1989 äußerte Peter Ludwig bei einem Besuch in meinem Atelier im Gespräch über die Frage der Dimension bei meinen Bildwerken den Wunsch, daß er gern eine große Arbeit von mir in seinem entstehenden Skulpturengarten des neuen Aachener Ludwig-Forums sähe. Dieser Wunsch war auch meiner!

Beim ersten Besuch auf dem Gelände der im Umbau befindlichen Schirmfabrik in Aachen zusammen mit Hans Backes fiel mir das frühere Gartenhaus auf. Es lag vom Museum aus gesehen am Eingang des Gartens und sah so verlassen, unangetastet und verwunschen aus, daß ich gleich den Wunsch hatte, das Gesehene zu konservieren. Auf einer Baustelle bekommt ja das Alte, das zunächst stehen-bleibt, einen besonderen Reiz.

Der ursprüngliche Plan für die Gestaltung des Geländes sah eine Einebnung und Absenkung des Bodenniveaus um mehr als acht Meter vor, bei der auch das Gartenhaus mit dem verwilderten Pflanzenwuchs beseitigt werden sollte. Dieser Plan brachte mich auf die Idee, das Gartenhaus mit einer kleinen angrenzenden Fläche der verwilderten Natur und einer alten vergessenen Zinkwanne als komplettes Ensemble von der geplanten Absenkung auszunehmen und auf dem ursprünglichen Bodenniveau stehen zu lassen. Meine „Objekte“, das Gartenhaus, die davor stehende Zinkwanne und ein größerer Baum hätten dann auf einer Art Sockel gestanden und die dafür notwendige Verschalung aus Beton hätte, zum Beispiel bei dem Baum, den Eindruck eines riesigen Blumenkübels erweckt.

Dieses erste Modell stellte ich am 25. Januar 1990 Wolfgang Becker, dem künftigen Leiter des Ludwig-Forums, und anderen für das Forum Verantwortlichen vor. Da aber die weiteren Überlegungen zur Gestaltung des Geländes auf die Beibehaltung der ursprünglichen Situation hinausliefen, mußte ich mich nun auf das Gartenhaus selbst konzentrieren. Das von mir ausgewählte Terrain wurde abgesteckt und mir zur freien Bearbeitung überlassen. Inzwischen änderte sich mit den fortschreiten-den Gestaltungsmaßnahmen das Erscheinungsbild des Geländes sehr schnell, alles wurde neu angelegt und auch ich mußte mit meinem Werk beginnen.

Nach der Entrümpelung trat die eigentliche Form des kleinen Gebäudes deutlich hervor. Ich schuf weitere Modelle, auch ein ganz detailliertes aus kleinen handgeformten und selbstgebrannten Ziegel-steinen im Maßstab 1:10. Diese kleinen Ziegel waren mir sehr wichtig, wurde mir doch in dem Moment klar, daß unsere Architektur und ihre Geschichte ohne den Ziegelstein nicht denkbar wäre.

Meine neue Idee für das Gartenhaus war, den Innenraum dieses fragmentarischen Gebäudes mit riesigen handgeformten Ziegeln auszufüllen und abzuformen. Ziegelsteine als große Tonblöcke, die, um sie brennen zu können, hohl sein mußten und die organisch wie konstruktiv zugleich erscheinen würden. Das Ergebnis: Der Innenraum als Skulptur!

Das plastische Material Ton eignet sich dafür in besonderer Weise, weil es zeigt, wie aus Schlamm mit Hilfe von Hitze ein fester, dauerhafter Körper werden kann. Mein Vorhaben stellte sich aber als so umfangreich und arbeitsaufwendig heraus, daß es mir unmöglich war, bis zur offiziellen Eröffnung des Ludwig-Forums am 26. Juni 1991 — wie erwünscht — fertig zu werden. Das Gebäude drohte nach der Eröffnung des Ludwig-Forums allerdings ganz zu verfallen. Außerdem tauchte ein weiteres Problem auf: Ungebrannte hohle Tonformen in den Maßen von mehr als einem Kubikmeter sind wegen ihrer Instabilität nicht transportierbar.

Ich entschloß ich mich deshalb, vorerst einen am Eingang zu meinem Terrain befindlichen „Rosen-bogen“ als eigenständige Skulptur auszuführen. Das Ausfüllen des Holzgerüstes mit keramischen Körpern wandelte den offenen Bogen in eine massive (hohle) Wand und die mit Blei ausgegossenen Holzabdrücke im Ton machten die frühere Struktur des Rosenbogens erkennbar. Dieses „Rosentor“, so der Titel der Skulptur, bildete den Auftakt zu der nun folgenden Arbeit an der großen Raumskulptur des Gartenhauses.

Ich entschied daher, das ganze Haus „in mein Atelier zu holen“, was eine gigantische Gipsabform-Aktion zur Folge hatte: erst die Abformung des Originals vor Ort und anschließend das Ausgießen des Abdruckes. Nach und nach entstand in meinem Atelier eine genaue Kopie der Innenwände des Gartenhauses aus Gips, in die ich transportable Originalstücke des Gebäudes wie Fensterrahmen oder Balken integrierte.

Nun konnten die Tonkörper aufgebaut werden. Sie stießen seitlich aneinander und an ihrer Frontseite formten sich die Strukturen der Innenwände und Fenster des Gartenhauses ab. Das Töpfern hat eine starke Eigendynamik, da Ton ein sehr eigenwilliges Material darstellt. Seine Konsistenz ist nie ganz homogen und infolgedessen variiert auch seine Formbarkeit. Jeder Tonkörper zeigte daher schon vor dem Brand sein individuelles „Gesicht“.

Zwar hatte ich schon bei der Herstellung meines Ziegelsteinmodells die Form und Größe der Tonkörper entsprechend der Kapazität meines Brennofens festgelegt. Bei der Ausführung aber erzwangen die großen Dimensionen der Tonkörper winkel- und u-förmige Formgebungen, um ein Zusammensinken noch während der Aufbauarbeit zu verhindern, was trotzdem ab und zu geschah.

Mein Brennofen endlich verwandelte die unberechenbare Tonmasse in „klingende“ Keramiken, die langsam den Hof füllten. Eng aneinander- und ineinandergefügt bildeten die „Tonklötze“ wegen der technisch erforderlichen Änderung der Formgebung nun allerdings nicht mehr das gesamte Innenraumvolumen des Gartenhauses ab. Die verbliebenen Lücken und Zwischenräume füllte ich mit „Zinkblechkörpern“ bzw. „Zinkblecheisengerüstraumattrappen“ aus.

Diese umfangreichen Arbeiten begannen im April 1991 mit dem „Rosentor“ und endeten erst Ende September 1992. Mittlerweile hatte ich auch das Fundament des ehemaligen Gartenhauses vorbereitet, so daß in der ersten Oktoberwoche 1992 schließlich alle Teile nach Aachen transportiert und aufgebaut werden konnten. Dabei standen mir glücklicherweise Spezialisten für den Aufbau von modernen Kunstwerken zur Seite.

An einigen Stellen entschied ich mich, den Abformungen entsprechend, Teile der alten Mauern mit den noch vorhandenen Steinen wieder aufzubauen, um der ganzen Skulptur mehr Halt zu geben.

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