Einen bedeutenden Schritt zur großen Skulptur hat Thomas Virnich mit seinen „Haus-blöcken“ 1984/85 getan. Auch hier hat die Arbeit mehrere Zustände, vom völligen Ausbreiten aller Einzelteile bis zur geschlossenen Form der vier, eine Einheit bilden-den Blöcke. In allen Phasen macht die Skulptur Raum erfahrbar.

Nicht nur in der äußeren, geschlossenen Form gehören die Blöcke zusammen, auch ihr jeweiliger Kern bildet eine Einheit. In jedem Block ist ein Teil des alten Puppenhauses, das der Vater Virnich für seine Kinder gemacht hatte. Thomas Virnich hat dieses Haus durch vertikale Schnitte geteilt und sich dann mit den jeweiligen Räumen auseinandergesetzt. Hohlräume werden ausgefüllt. Ergänzungen angefügt, Umhüllungen geschaffen, die wiederum ergänzt und umhüllt werden. Alle Formen ergänzen sich oder passen ineinander; einzeln, für sich betrachtet, sind sie eigenständige Skulpturen mit archaisch anmutenden Formen.

Die Kernstücke, das alte Puppenhaus, sind in ihrer Farbigkeit belassen, nur intensiviert worden, die jeweiligen Ergänzungsstücke tragen dieselbe Farbe. Die Zusammengehörigkeit wird durch Farbe ausgedrückt. Je kleiner die Formen sind, umso mehr Farbigkeit haben sie. Dadurch gewinnen sie eine spannungsreiche Differenziertheit zur Größe. Jeder Block für sich hat, auch ausgebreitet, eine besondere Farbgebung, die die Zusammengehörigkeit der jeweiligen Teile deutlich macht. Im ausgebreiteten Zustand entstehen aus den Hausblöcken „vier Städte“. Jeder Zustand zeigt eine eigenwillige Architektur.

Zusammengesetzt sehen wir die vier Blöcke in unterschiedlichen Farben, die aber so zurückhaltend sind, daß nur die Form wirkt. Das Kieselgrau von Block I gibt eine Assoziation zu Betonbauten. Das Grüngrau des Block III hat eine militärische Ausstrahlung, die dadurch erreicht wurde, daß Thomas zur Ummantelung einen grünen Parka zerrissen und zur Umhüllung benutzt hat. Das Weiß von Block II ist eine Farbe, die alles offenläßt. Immer wieder wurde Farbe aufgetragen, abgeschliffen und erneut aufgetragen. Wie ein Eisblock schiebt er sich zwischen die anderen: auseinandergenommen, hat gerade er besonders farbintensive Innenteile – Spannung auch hier durch starke Kontraste. Der vierte Block, der aus der fast fiktiven Fassade des Puppenhauses entstanden ist, wird auch hier zur Fassade der Häuserblöcke, nur er hat eine eigentliche Farbigkeit.

Text: Christine Tacke
Fotos: Jörg Sasse
Ausstellung 1985 „Thomas Virnich – Hausblöcke“, im Museum Abteiberg Mönchengladbach

HERGABE
Im Sommer 1987 hat Harry Zellweger in einem Aufsatz die Arbeiten von Thomas Virnich unter anderem „spontan und wunderbar“ beschrieben. Es fällt nicht schwer, den Werken Thomas Virnichs noch andere, ebenbürtige Eigenschaften zuzuschreiben, ebenso sind die Skulpturen zugleich geheimnisvoll. Eigenschaften alleine, auch nicht die Herstellung seiner Skulpturen, ursprünglich Stabiles durch Zertrennen und anschließendem Wiederauf- und Zusammenbau im wesentlichen in seiner Form zu belassen, um ihnen trotz ihrer Standfestigkeit etwas Zerbrechliches zuzufügen, vermögen nicht den Bann zu erklären, in den der Betrachter der Arbeiten von Thomas Virnich immer wieder gerät. Denkbar ist heute schon der Traum Thomas Virnichs, ein Haus, der Stabilität und Bewohnbarkeit wegen aus „einem Guß“ zu erbauen. Trotzdem wird dieser eine Guß die Bezauberung des Betrachters nicht beeinträchtigen, im Gegenteil, das Geheimnis wird nur noch größer. Es ist die Hergabe und Herausgabe in jedem einzelnen Werk, die Thomas Virnich immer wieder vorbehaltlos wagt, die gleichzeitig unzertrennlich von der Person Thomas Virnichs mit ihm einhergehen. Mag es zunächst widersprüchlich erscheinen; trotzdem behalten sich die Arbeiten von Thomas Virnich ein Rest von Ungelöstem vor, sei es das des nicht vollständig ausgebreiteten Werkes, oder aber die Vorstellung, welches Werk dem vor-handenen beigegeben, hinzugefügt oder gar weggenommen werden könnte. Die Arbeiten tragen diese Spannung und halten sie fest. Bewußt wartet Thomas Virnich mit der Hergabe einer Arbeit so lange, bis diese selbst sich so gut zu verbergen imstande ist, daß es den Betrachter zwingt, zu versuchen, das Herausgegebene zu entdecken, ohne daß ein einfaches Spiel daraus wird. Nicht das zufällig Entdeckte gibt Thomas Virnich mit seinen Arbeiten her, vielmehr die Einheit seiner Gedanken, die sich in der Skulptur zu einem wahrnehmbaren Ganzen zusammenfügen. Dieses unlösbare Zusammengehen zieht den Betrachter in den Bann und bezaubert ihn.

Joachim Linthe


Jahr

1984-1985

Material

Mixed Media

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